Nervous Obsession 

 

Seit ungefähr 35 Jahren versuche ich aufzuhören meine Nägel zu beißen. Es ist ein täglicher Kampf, der meist damit schließt, dass ich mir infolge exzessiven Beißens, Kauens und Nagens, gequält von Schuldgefühlen verspreche: „Das ist jetzt das letzte Mal, du musst nur ein paar Tage ohne Beißen durchhalten, dann sind die Wunden geheilt und das Problem ist gelöst!“ Anstatt diesen respektablen Vorsatz in die Tat umzusetzen, ertappe ich mich jedoch keine 15 Minuten später dabei, wie ich in Gedanken versunken den selben Vorgang wiederhole. Anstatt Heilung und Linderung einzuleiten, verschlimmert sich das Aussehen und der Zustand meiner Nägel, was anhand von kleinen offenen Wunden deutlich wird. Dieser Kreislauf der Scham und des Schmerzes begleiten mich seit nunmehr 35 Jahren.

Woher mein Zwang kommt kann ich nicht genau sagen. Steigender Druck, psychische Unruhe und Überforderung bei der Alltagsbewältigung zählen zu jenen Empfindungen, die ich mit dem Nägelbeißen versuche zu bewältigen. Öffentlich verstecke ich meine Nägel so gut es eben geht. Deswegen fühle ich mich im Schutze der Nacht oder in zumindest ebenso dunklen Technoclubs am Wohlsten. Da man meine Hände dann nicht so gut sehen kann und ich bei guter Musik schlichtweg nicht stillsitzen kann, vergesse ich irgendwann auch selbst meine ungepflegten Hände. Im Zentrum einer meiner ältesten Kindheitserinnerungen befindet sich meine Mutter, die auf eine Dame in der Nähe zeigt und sagt: „Schau wie sie ihr Hände versteckt. So eine schöne Frau und trotzdem muss sie sich schämen! Wenn du damit nicht aufhörst, endest du wie sie!“ Natürlich hat meine Mutter damit nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt. Bewirkt hat sie damit allerdings das exakte Gegenteil, denn ihre Weissagung hat sich tief in meinem Bewusstsein verankert und generierte somit über die Jahre quasi zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung.

Trotzdem, oder gerade deshalb will ich mich weiterhin bemühen diese Angewohnheit endlich hinter mir zu lassen. Auch in eben diesem Augenblick habe ich mir vorgenommen, dass ich noch heute damit aufhören werde, und vielleicht schaffe ich es ja dieses Mal endlich einen Schlussstrich unter dieses leidige Thema zu ziehen. Indem ich meinen ganzen Mut zusammengenommen habe, zeige ich in dieser Bilderserie meine Nägel das erste Mal der breiten Öffentlichkeit. Ich möchte damit ein Zeichen für die unbedingte Notwendigkeit psychische Störungen zu enttabuisieren, setzen.