Die hier gezeigten Arbeiten sind Teil einer Porträtserie, die sich mit Prozessen digitaler Verfremdung und Abstraktion auseinandersetzt.
Ausgehend von einem konkreten Porträt durchlaufen die Bilder mehrere Stadien der Transformation – von der Wiedererkennbarkeit bis zur nahezu vollständigen Auflösung der figurativen Referenz.
Durch Glitch, algorithmische Eingriffe und digitale Vektorisierung verschiebt sich das Porträt von einer repräsentationalen Bildform hin zu einem prozessualen Zustand. Identität erscheint nicht mehr als stabile Kategorie, sondern als instabile, technisch erzeugte Konfiguration.
Die Serie reflektiert damit einen gegenwärtigen Paradigmenwechsel im Kontext digitaler Bildproduktion, künstlicher Intelligenz und postdigitaler Kultur. Das Subjekt fungiert nicht länger als Ursprung oder Zentrum des Bildes, sondern als Effekt von Operationen, Datenstrukturen und ästhetischen Filtern. Das Kunstwerk selbst ist nicht als abgeschlossenes Objekt zu verstehen, sondern als offener Transformationsprozess.
In dieser Verschiebung werden grundlegende ontologische Fragen neu verhandelt: jene nach Identität, Autorschaft und dem Status des Bildes unter den Bedingungen algorithmischer Systeme.
Gleichzeitig ist die Serie von einer subjektiven und zeitgeschichtlichen Dimension geprägt. Die zunehmend abstrakte, kalte und entfremdete Bildsprache reflektiert sowohl einen persönlichen Zustand der Desorientierung als auch eine breitere kulturelle Lage, die von politischer Instabilität, technologischer Beschleunigung und sozialer Fragmentierung bestimmt ist. Ein solches formales Umschlagen lässt sich kunsthistorisch immer wieder beobachten: Verdichten sich gesellschaftliche, politische und persönliche Spannungen, tendieren künstlerische Ausdrucksformen zu Abstraktion, Reduktion und Entfremdung.
Die in diesen Bildern entstehenden Objekte erscheinen zugleich präzise und beschädigt – geometrisch geordnet, zugleich geglitcht, verzerrt und partiell zerstört. Sie bewegen sich zwischen idealisierter Form und strukturellem Zerfall. Was entsteht, ist kein stabiler Bildraum, sondern ein Feld schwebender Entitäten zwischen Kontrolle und Auflösung.
Diese virtuellen Räume lassen sich als Orte des Eskapismus und der Projektion lesen, gespeist von einer Sehnsucht nach Utopie oder nach einem Rückzug aus einer als überfordernd empfundenen Wirklichkeit. Zugleich sind sie radikal kalt, leer und entvölkert – vakuumartige, zeitlose Umgebungen ohne Geschichte, ohne Wärme, ohne soziale Verankerung. Die ehemals porträtierten Figuren erscheinen nicht mehr als lebendige Subjekte, sondern nur noch als Residuen: als verlorene, ontologisch unsichere Objekte, die in einem digitalen Nichts schweben.
In diesem Sinn operiert die Serie auf mehreren Ebenen zugleich: als Reflexion zeitgenössischer Bildtechnologien, als philosophische Befragung des Subjekts und als affektive Kartografie einer Welt, in der sowohl Individuen als auch Bilder zunehmend fragmentiert, entgrenzt und suspendiert erscheinen.
Winter 2025/2026