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Die Werkserie bewegt sich im Spannungsfeld zwischen digitaler Bildmanipulation, brutalistischer Architektur und autobiografischer Fragmentierung. Ausgangspunkt war die bewusste ästhetische Auseinandersetzung mit dem Glitch – dem digitalen Fehler – als künstlerisches Prinzip. Der Glitch ist dabei nicht nur ein formales Stilmittel, sondern eine symbolische Metapher für biografische Brüche, Migrationserfahrungen und die ambivalente Beziehung zwischen Subjekt und technologischer Reproduzierbarkeit.

Die Faszination für brutalistische Architektur entspringt weniger einer akademischen als einer affektiven Beziehung zu diesen massiven, rohen und funktional ehrlichen Bauten. In ihnen spiegelt sich ein soziales Erbe, das in der sozialistischen Architektur Jugoslawiens tief verwurzelt ist. Die emotionale Bindung zu diesen Strukturen, besonders in nebligen Winterlandschaften, verleiht ihnen für mich eine fast körperliche Präsenz. Der Brutalismus wird so zur ästhetischen Chiffre für Zugehörigkeit, Verlust und Widerständigkeit gegenüber der glatten Oberfläche der Gegenwart.

Das „Brutalismus-Glitchen“ entstand aus einem spielerischen, beinahe manischen Impuls, der sich rasch zu einer obsessiven, täglichen Praxis entwickelte. Das kontinuierliche Posten der Arbeiten in sozialen Medien wurde Teil des künstlerischen Prozesses – weniger als Selbstvermarktung denn als Versuch, die eigene Position zwischen Sichtbarkeit und Isolation zu verhandeln. Der Glitch, ursprünglich ein technischer Defekt, wurde dabei zu einem existenziellen Symbol: für Störung, Migration, für das Scheitern an gesellschaftlicher Integration und die daraus resultierende innere Fragmentierung. Die digitale Verzerrung der Bilder spiegelt eine psychische, biografische Verzerrung wider – ein Rauschen, das aus Entwurzelung und Sprachverlust resultiert.

Die bewusste Aneignung von Kitsch in Form eines übersteigerten, „brutalen“ Glitch-Ästhetizismus begreife ich als subversive Geste. In einer Gegenwart, in der jede Abweichung schnell absorbiert und verwertet wird, ist der Mut zum schlechten Geschmack für mich ein Akt der Selbstermächtigung. In Anlehnung an Walter Benjamin verstehe ich die technische Reproduzierbarkeit des Kunstwerks als Möglichkeit ästhetischer Demokratisierung – als Chance, Begehren und Affekte jenseits bürgerlicher Maßstäbe sichtbar zu machen.

Im Sinne von Michel de Certeaus Konzept des „aktiven Konsumenten“ begreife ich meine künstlerische Praxis als fortlaufenden Akt der Selbstkonstruktion durch Aneignung und Auswahl kultureller Formen. Zugleich verweise ich – in Bourdieuscher Logik – auf den Zusammenhang zwischen symbolischer und sozialer Macht: Die bewusste Produktion des Vulgären und Abseitigen ist für mich eine Form ästhetischer Gegenmacht, die die Hierarchien des Geschmacks infrage stellt.

Die Serie kulminiert in der Arbeit Ruine in Mostar, die einen autobiografischen Schlusspunkt bildet. Der Ort – Bosnien, die Heimat meiner Mutter – wurde zur Projektionsfläche eines inneren Systemfehlers, der mit meiner Migration nach Österreich im Jahr 2003 begann. Der Glitch in der Bildoberfläche steht für den Bruch im biografischen Kontinuum, für den unauflösbaren Rest einer verlorenen Identität. Der digitale Fehler wird so zum Medium des Erinnerns und Verlernens zugleich.

Die Werkserie verhandelt Architektur, digitale Ästhetik und Biografie als ineinandergreifende Ebenen. Sie thematisiert das Scheitern als ästhetische Ressource, das Banale als Ort der Wahrheit und den Fehler als produktives Prinzip. In einer Zeit, in der kulturelle Prozesse zunehmend algorithmisch bestimmt sind, verstehe ich den Glitch als poetischen Widerstand – als bewusste Affirmation des Unvollkommenen.

 

Edit:

Das letzte Werk der Serie (eine Ruine in Mostar) entstand zufällig. Der Ort dieses beeindruckenden Gebäudes ist dafür ideal: Es befindet sich in Bosnien, wo meine Mutter geboren wurde und wo ich mit meinem gleichaltrigen Cousin die schönsten Momente meiner Kindheit verbrachte.

Dann, im Jahr 2003 – zehn Jahre nach dem Krieg, den wir im Keller verbracht hatten – trat ein großer Glitch auf dem inneren Bildschirm meines Lebens auf. Mit 26 Jahren, völlig unvorbereitet, zog ich über Nacht von Kroatien nach Österreich und ließ Sprache, Freunde, Familie und Landschaft hinter mir. Dieser Glitch, der das Bild in meinem inneren Programm verzerrte und ein permanentes Rauschen verursachte, wurde nie wirklich repariert. Er ist noch immer da – summend, zitternd, störend – und lässt mich das Gefühl haben, in einem falschen Film zu leben.

 

November 2022